Im Land der Bären

Der Kriváň in der Hohen Tatra.

Der Kriváň in der Hohen Tatra.

Rückblickend betrachtet, war die Slowakei schon ein besonderes Land auf meiner bisherigen Radreise. Es war das erste mir völlig neue Land, der Ort wo mich die kalte Jahreszeit einholen sollte, die Region mit den bisher meisten Höhenmetern und es war das Land wo die ersten wilden Tiere lauerten.

Was man sieht: Herbst. Was man nicht sieht: Die Steigung und Länge dieser Rampe.

Was man sieht: Herbst. Was man nicht sieht: Die Steigung und Länge dieser Rampe.

Aber jetzt mal langsam. Im Čičmany-Artikel war ja schon zu lesen, dass es Anfangs ganz schön kalt gewesen ist. Als ich das Dorf verlassen hatte, ging es auf der Suche nach einem Schlafplatz in ein kleines Seitental fernab der Straße. Nachdem die letzten Häuser im Dorf passiert waren, kam mir noch eine kleine Kuhherde entgegen. Herabgetrieben von einem in seinem abgefrackten PKW sitzenden Bauern, der die Herde durch permanentes Hupen antrieb – eine Art moderner Kuhhirte? Bei dem Weg handelte es sich um einen groben Schotterweg, der teilweise aber auch verblockt war und hin und wieder von kleinen Rinnsalen gequert wurde. Links und rechts des Weges gab es satt grüne Wiesen, auch immer wieder kleine Inseln mit bunt blühenden Pflanzen. Dazu das Plätschern des Bergbaches. Es erinnerte mich sehr an eine alpine Umgebung. Mit der einsetzenden Dämmerung und den tief hängenden Wolken bot sich eine tolle Stimmung. Irgendwann kam ich an einem Unterstand an, welcher sich hervorragend als Übernachtungsplatz eignen sollte. Gegen die Kälte gab es erst mal einen heißen Tee und dann eine große Portion warmen Essens. Bevor es in den Schlafsack ging, packte ich alle Speisevorräte in eine Fahrradtasche und hing dieses in einiger Entfernung zum Unterstand an einem Baum auf. Schließlich wurde ich ein paar Tage zuvor gewarnt, dass es fast überall in der Slowakei Bären geben solle. Ich war gespannt, ob es am nächsten Morgen noch Müsli geben sollte. Zum Einschlafen gab es dann ein sehr ausgiebiges Konzert des brünftigen Rotwilds. Von allen Seiten des Tals röhrte es, ein Hirsch übertönte den anderen.

Der morgendliche Besuch hält sich noch zurück.

Der morgendliche Besuch hält sich noch zurück.

Aufgewacht bin ich am nächsten Morgen in einer Wolke. Es regnete leicht und war äußerst diesig, dazu war es natürlich äußerst frisch. Die Fahrradtasche hing noch unberührt im Baum. Irgendwann hörte ich Kuhglocken läuten und die Herde von gestern Abend kam langsam angetrottet, interessierte sich jedoch nicht für mich. Das sollte sich jedoch ändern als es an die Zubereitung von Tee und Müsli ging. Erst kam der Bulle neugierig sabbernd an, gefolgt von seinen Kühen. Ich wurde von mehreren Seiten umzingelt und musste einige Zeit mit einem Stock drohend die Herde zurückweisen, um das Müsli nicht zu teilen und die Fahrradtaschen vor Kuhsabber zu schützen. Als ich dann endlich in Ruhe das Frühstück genoss, galt es die nächsten Tage zu planen. Sollte ich weiter bei miesem Wetter durch die Slowakei fahren oder nicht doch gleich weiter in Richtung Süden, um in wärmere Gefilde vorzudringen. Der Gedanke an milderes Wetter war verlockend aber da waren ja diese wunderschönen Berge. Die waren hier noch mächtiger und schroffer als in Tschechien – halt richtiges Gebirge. Und selbst die nasskalte Stimmung konnte an deren Schönheit nichts schmälern.

Nochmal der Kriváň, diesmal am Abend.

Nochmal der Kriváň, diesmal am Abend.

Die Wahl fiel auf eine größere Runde durch die Slowakei und diese Entscheidung sollte definitiv nicht falsch sein. Fest entschlossen mir das Land etwas genauer anzuschauen, war es gleich viel leichter das Wetter zu ertragen – ich arrangierte mich einfach damit. Zur Belohnung wurde es dann auch wieder besser. Und selbst wenn es etliche Meter bergauf ging, so lohnte sich auch das immer wieder. Schließlich gab es auf jeder Erhebung wieder neue spektakuläre Ausblicke, von den Adrenalin stimulierenden Abfahrten mal ganz zu schweigen.

Weite Felder zwischen der Hohen und der Niederen Tatra.

Weite Felder zwischen der Hohen und der Niederen Tatra.

Die vielen Abfahrten haben am Ende dafür gesorgt, dass die Bremsbeläge das erste mal zu wechseln waren. Das Tier ließ sich nämlich irgendwann nicht mal mehr beim bergauf Schieben mit den Bremsen zum Stehen bringen. Und ja, Schieben gehörte des öfteren zu meinem Alltag in der Slowakei dazu. Negativer Spitzenrekord waren dabei einmal anderthalb Stunden für einen Kilometer. Da hatte das Navi echt einen hervorragenden Wanderweg rausgesucht … Doch auch so manche offizielle Straße glich eher einem Acker der einer Art Asphalt zerfurchenden Wildschweinen zum Opfer gefallen sein muss. Vermutlich schon mal ein ganz guter Vorgeschmack auf das, was mich auf meiner weiteren Reise gen Osten noch so erwarten wird.

Merke: Mountainbike Trails sind für das beladene Tier eher ungeeignet.

Merke: Mountainbike Trails sind für das beladene Tier eher ungeeignet.

Sehr angenehm dagegen empfand ich die vielen Schutzdächer, welches es überall in der Slowakei gibt. Meist sind das nur einfach überdachte Tisch-Bank-Kombinationen, hin und wieder aber auch größere, teilweise sogar professionell angelegte Schutzdächer oder Pavillons über mehreren Sitzgarnituren. Diese Schutzdächer eignen sich nämlich perfekt zum Nächtigen, so bleibt das Zelt trocken da es gar nicht erst aufgebaut werden muss. Ebenso praktisch für Radreisende: Die vielen Quellen. Hatte ich mir schon zum Grenzübertritt die Frage nach Wasser auf Slowakisch zurechtgelegt, so musste ich sie doch kein einziges Mal stellen. Typisch für die slowakischen Quellen ist, dass diese oft mit einem kleinen Holzhäuschen – einer Art Hundehütte – versehen sind und das Quellwasser stets aus einem Rohr kommt. An einer Stelle in der Hohen Tatra standen gleich drei solcher Holzhäuschen nebeneinander, alle mit einem anderen Namen angeschlagen, für jede Quelle einer. Liegt eine Quelle an der Straße, so halten oft Autofahrer mit mehreren PET-Flaschen an, um diese zu füllen. Die Slowaken scheinen ihr Quellwasser zu lieben.

Eine typische Quelle.

Eine typische Quelle.

Was die wilden Tiere anging, so habe ich kein einziges mal einen Bären zu Gesicht bekommen oder gar seine Fährten gesehen. Dafür haben mich lediglich die Kühe und frei laufenden Hunde in Schach gehalten. Orchestriert von den brünftigen Hirschen. Dank der kühleren Temperaturen gab es keine Mücken oder ähnliches Getier, was im Vergleich zum Sommer schon ein gewisser Luxus war.

Der Liptovská See.

Der Liptovská See.

Die Slowakei habe ich definitiv nicht das letzte mal bereist. Dort gibt es noch so viel zu entdecken, nicht nur per Rad sondern erst recht zu Fuß – die Gebirge verlangen förmlich danach „bewandert“ zu werden. Da hat mir mein eintägiger Wanderausflug absolut nicht gereicht. Doch auch mit dem Rad hätte ich mir gern noch mehr angesehen. Zu gern wäre ich zum Beispiel noch nach Banská Stiavnica gefahren, entlang der anderen Seite von der Kleinen Tatra, doch irgendwann musste es schließlich weiter gen Süden gehen.

Reisezeit: 18.09. – 28.09.2021

  06.11.21 um 9:00 Uhr
  herbst, radreise, natur, slowakei, berge
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