Im Norden Patagoniens

Ende Januar des letzten Jahres verließ ich Chile zum zweiten Mal nach Argentinien. Über den Paso Hua-Hum ging es in Richtung San Martín de los Andes und dann entlang der Ruta 40 weiter nach Süden, um sechs Tage später an einem sehr abgelegenen Grenzübergang wieder in Chile einzureisen. Es war der erste Abschnitt, den ich in Patagonien zurücklegte, und dieser gab auch schon mal einen guten Vorgeschmack auf das, was da alles noch kommen würde. Dieser erste Eindruck musste aber auch erstmal reichen, denn weitere fünf Tage später galt es, die Radreise zu pausieren – in Santiago wartete ein neues Abenteuer: ein geregelterer Alltag mit Arbeitsleben an der Deutschen Schule.

Der Paso Hua-Hum ist perfekt für Radreisende. Es ist ein kleiner Straßenpass, der eigentlich nur touristische Bedeutung hat; LKW-Verkehr wird man dort nicht finden. Auf der chilenischen Seite des Passes liegt der Lago Pirehueico, den man mit der Hua-Hum Fähre1 überquert. Die Straße ist bis zur Grenze asphaltiert; auf der argentinischen Seite ist sie dann unbefestigt und teilweise eine Waschbrettpiste bis zur Ruta 40. Bevor ich die Bodenwellen genießen konnte, war jedoch erst einmal Warten angesagt. An der argentinischen Grenzstation gab es einen Stromausfall und die Beamten wussten nicht, wann sie die Computer für den Migrationsprozess wieder starten könnten. Anderthalb Stunden später war das Geräusch eines anspringenden Generators zu hören, kurz darauf kam ein ölverschmierter Soldat in das Gebäude – vermutlich der Retter der Situation. Es dauerte nun nicht mehr lange, bis die Computer liefen und ich als einer der ersten Wartenden offiziell in das Land einreisen konnte.

Von dem Charme der Abgelegenheit, den diese Grenze versprühte, war am Nachmittag in San Martín de los Andes nichts mehr zu spüren. Die Kleinstadt ist ein Touristen-Hotspot mit unzähligen Hotels, Restaurants, Souvenirgeschäften und dem entsprechenden Trubel. Die Stadt liegt recht malerisch am Lago Lácar, eingebettet in ein bergiges Umland mit dichten Wäldern. Wandern, Fischen, Kajak fahren oder sich die Sonne an einem der kleinen Strände auf den Bauch brutzeln lassen und dann am Abend noch schick essen gehen – das sind wohl die Dinge, die man hier machen kann. Allerdings wird man wohl im Januar oder Februar selten allein dabei sein.

San Martín de los Andes ist eine der nördlichsten Städte Patagoniens. Die komplette Landmasse Südamerikas südlich von hier lässt sich zur Region Patagonien zählen. Auf der chilenischen Seite spricht man ab der Gegend um Puerto Varas von Patagonien. Eine exakte Definition oder Linie, ab der man von Patagonien spricht, gibt es nicht. Manchmal wird die Insel Feuerland mit dazugezählt, manchmal nicht. Auf jeden Fall ist Patagonien eine sehr dünn besiedelte Region Südamerikas, wenn man sich nicht gerade in den Touristen-Hochburgen aufhält und es nicht gerade Sommer ist. Denn in den Sommermonaten ist Patagonien eines der beliebtesten Reiseziele Südamerikas. Vermutlich hat jeder schon einmal von dieser Region gehört und ein paar absolute Bilderbuchfotos vom berühmten Mont Fitz Roy oder den Torres del Paine gesehen. Neben den absolut fotogenen südlichen Ausläufern der Anden, die sich durch den Westen Patagoniens ziehen, gibt es auf der argentinischen Seite noch jede Menge leere Steppe, in der es ohne Zweifel mehr Guanacos als Menschen gibt. Als Radreisender kommt man für Patagonien auch nicht so richtig um den Sommer herum, denn es liegt schon ziemlich weit im Süden, und außerhalb der Saison wird es da sehr nass und kalt.

Von San Martín de los Andes gibt es für Radreisende zwei typische Routen gen Süden. Den Patagonian Beertrail – eine entlegene Bikepackingroute durch die argentinische Steppenlandschaft bis El Bolsón und die Ruta de los Siete Lagos nach San Carlos de Bariloche. Letztere ist weniger remote und verläuft komplett über Asphalt auf der Ruta 40. Da sich mein Zeitfenster langsam schloss, um für den demnächst anstehenden Job rechtzeitig in Santiago anzukommen, wählte ich diese schnellere Variante. Warum dieser Abschnitt ausgerechnet Ruta de los Siete Lagos heißt, erschloss sich mir nicht, denn man kann bis zu 13 Seen entlang der Route besichtigen. Liegt es vielleicht daran, dass es nebenan auf der chilenischen Seite auch eine Route der sieben Seen gibt?

Von diesen Spitzfindigkeiten mal abgesehen war es aber ein ziemlich schöner erster Eindruck von dem, was mich in Patagonien erwarten würde. Die Straße zog sich durch nicht allzu breite Täler, die von steilen Bergflanken begrenzt waren. Dazwischen lagen die zahlreichen Seen sowie Flüsse und Bäche, die diese Gewässer miteinander verbanden. Durch das viele Wasser war auch alles wunderbar grün. Das Wetter war leicht diesig, es gab immer mal ein paar kleine Schauer zwischendurch. Durch die ziehenden Wolken ergab sich so eine wunderbar atmosphärische Stimmung.

Kurz vor Villa la Angostura wollte ich eigentlich rechts zum Paso Cardenal Antonio Samoré abbiegen und so wieder nach Chile einreisen. In letzter Minute entschied ich mich dann aber doch noch für einen kleinen Umweg auf Empfehlung anderer Radreisender. Von Bariloche aus gibt es für Fahrradfahrer eine Möglichkeit mit drei Fähren ziemlich remote nach Chile zu gelangen. Fähren, die tatsächlich nur für Fußgänger und Fahrradfahrer möglich sind – eine Route ganz ohne Autos, was gibt es Verlockenderes? Der einzige Nachteil: Die folgenden 90 Kilometer auf der Ruta 40 nach Bariloche waren extrem unangenehm, mit verdammt starkem Verkehr und wenig Platz für Fahrradfahrer. Doch diese Pille war es definitiv wert, geschluckt zu werden. Denn die Route vom Puerto Pañuelo bei Bariloche nach Petrohué in Chile war definitiv ein toller Höhepunkt zum Abschluss dieser Reiseetappe.

Die Route folgt einer etablierten Tour für Touristen von Bariloche in Argentinien nach Puerto Varas in Chile und lässt sich im Netz unter Cruce Andino finden.2 Neben der recht preisintensiven Tour mit Bus und Gepäcktransfer gibt es eine wesentlich günstigere Bike&Boat Option, bei der man lediglich für die drei Fähren zahlt und sämtliche Strecken zwischendurch allein mit seinem Fahrrad zurücklegt und nicht im Touribus sitzt. Es ist eine großartige Variante, die zwei Nationalparks Nahuel Huapi in Argentinien und Vicente Perez Rosales auf der chilenischen Seite zu durchqueren, da man bis auf die Transfers mit den Booten auf dem Fahrrad komplett allein in einer abgeschnittenen Gegend unterwegs ist. Los geht es früh am Morgen am Puerto Pañuelo, wo zunächst alle Taschen vom Rad abgenommen werden müssen, um es auf das Boot zu verladen. Anschließend kann man die recht lange Bootsfahrt über einen Arm des riesigen Lago Nahuel Huapi bis zum Puerto Blest genießen. Ich hatte wieder einen diesigen Tag erwischt, bei dem die Wolken in den Bergen hingen und nur ab und zu ein paar Spitzen herausschauten – es hatte definitiv etwas.

Auf dem kurzen Stück von Puerto Blest bis zum Lago Frías war ich komplett allein. Für die anderen Touristen gibt es einen Shuttlebus. Als Fahrradfahrer rollt man in aller Ruhe selbst zu dem kleinen See und muss hier nicht einmal sein Gepäck transportieren. Möchte man auch noch die letzte Fähre auf der chilenischen Seite am selben Tag erwischen, so sollte man darauf achten, auf dem ersten Boot über den Lago Frías an Bord zu sein, da es sonst etwas knapp mit der Zeit werden kann. Ich teilte mir die Tour durch die zwei Nationalparks aber gemütlich auf zwei Tage auf. Angekommen auf der anderen Uferseite des Lago Frías reist man bei einem Posten der Gendarmerie offiziell aus Argentinien aus. Die eigentliche Grenze liegt noch drei Kilometer entfernt, ungefähr 300 Höhenmeter über dem Lago Frías.

Irgendwo auf diesem Anstieg überholte mich der Bus mit den anderen Touristen, danach war wieder absolute Ruhe. Der Wald auf beiden Seiten der Grenzlinie ist sehr dicht und wirkte absolut unberührt. Kein Wunder, denn beide Nationalparks zählen zu den ältesten der entsprechenden Länder. Vom Paso Perez Rosales direkt an der Grenze geht es recht knackig nach unten. Fährt man die Tour in die andere Richtung, sollte man für diesen Anstieg mit Sicherheit ein paar Stunden einplanen. Die Ausblicke aus den Bäumen heraus in das vor mir liegende Tal waren spektakulär. Die letzten 17 Kilometer bis zur chilenischen Grenzstation in Peulla rollten fast schon wie von allein. Die Schotterstraße war in einem ziemlich guten Zustand und es ging sehr seicht nach unten. Ich schlug mein Zelt an den Cascadas las Mellizas auf und genoss den Abend beim Rauschen des Wasserfalls in absoluter Einsamkeit.

Da das letzte Boot dieser Route über den Lago Todos los Santos erst am späten Nachmittag fuhr, hatte ich einen sehr gemütlichen nächsten Tag vor mir. Vom Wasserfall waren es nur acht Kilometer zum Grenzposten in Peulla. Dort angekommen, war die Grenze erstmal nicht besetzt. Der Beamte war in seiner Dienstwohnung und erwartete scheinbar keine Reisenden um diese Zeit – kein Wunder, die Touristenbusse kamen schließlich nur zweimal am Tag vorbei. Das Wetter hatte mittlerweile aufgeklart, es war ein herrlich sonniger Tag. Die Aussicht, die sich später auf dem Lago Todos los Santos bot, war großartig. Die zwei mächtigen Vulkane Puntiagudo und Osorno überboten sich wahrlich in ihrer Schönheit.

Von Petrohue war es nun nicht mehr weit nach Puerto Montt – die Stadt, wo die Reise vorerst eine längere Pause einlegen sollte. Da ich noch etwas Zeit hatte, fiel es mir schwer, auf dem direkten Weg nach Puerto Montt zu fahren. Warum also nicht noch einen weiteren kleinen Umweg einlegen? Ich wählte daher die Route durch das Dorf Cochamó entlang eines fjordartigen Wasserarms, der mit dem Pazifik verbunden war. Landschaftlich war auch dies ein schöner Abschnitt. Doch irgendwie war mein Kopf jetzt weniger mit der Landschaft als mit den anstehenden Veränderungen beschäftigt. Nach dreieinhalb Jahren würde ich erstmals wieder dauerhaft an einem Ort leben, in einer festen Wohnung, ohne ständig weiterzuziehen.

Das einzig Beruhigende für meinen Kopf war in diesem Moment zu wissen, dass ich nur ein paar Monate später im Dezember wieder zurück in den Süden kommen würde, um die Route weiter fortzusetzen.


Reisezeit: Januar/Februar 2025

  1. Hua-Hum Fähre: Im Online-Buchungsprozess gab es keine Fahrrad- oder Fußgängeroption, also habe ich ein etwas teureres Moto gebucht und hatte so zumindest einen Platz sicher. Vor Ort muss man dann am Schalter bezahlen; die freundliche Dame hat mir am Ende nur den Fußgänger-Tarif mit 1000 CLP berechnet, als ich ihr von dem „Dilemma“ berichtete.[]
  2. Die Bike&Boat Option kostete bei Cruce Andino im Januar 2025 130 USD. Einen anderen Anbieter für die Route gibt es nicht.[]

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