
Cerro Tres Picos, Argentina.
Zehn Monate, nachdem ich Patagonien mit dem Bus nach Santiago verlassen hatte, war ich wieder zurück. Dank des chilenischen Schuljahrs standen mir nun zwei Monate Zeit zur Verfügung, um die Reise im Süden weiter fortzusetzen. Und das von Ende Dezember bis Ende Februar – der besten Reisezeit für Patagonien. In der Zwischenzeit hatte ich mir auch einen kleinen Traum erfüllt: ein neues Rad zum Reisen – ein äußerst belastbares Mountainbike mit breiten Reifen, welches sich auf Offroadpisten am wohlsten fühlt. Um dies gleich mal so richtig einzufahren, konnte es am Anfang wohl auch keine „ganz normale Route“ werden.
Puerto Varas – Trevelin
Inspiriert von Mark Watson und Hana Black 1 sollte es zunächst von Puerto Varas über den Paso Bolsón nach Lago Puelo in Argentinien gehen. Die Crux dieser Route bildet der Abschnitt zwischen Chile und Argentinien, da dies nur ein schmaler Wanderweg ist, auf dem man mit seinem Rad inklusive dem ganzen Gepäck auf ein paar Kilometern „wandern“ muss. Ein Prozess, der bei Bikepackern als „Hike-a-Bike“ bekannt ist und oftmals ein großartiges Naturerlebnis in einer autofreien Umgebung unter meist größeren körperlichen Anstrengungen verspricht. Bis zu diesem Hike-a-Bike-Abschnitt waren es allerdings noch drei Tage gemütlichen Einfahrens. Meinem Körper hätten 14 Tage vermutlich noch besser getan, dafür war allerdings mein Dickschädel nicht bereit.






Von Puerto Varas aus ging es zunächst auf gutem Asphalt entlang des Lago Llanquihue nach Ensenada. Der anfängliche Regen legte sich irgendwann und kurz vor Ensenada zog der Himmel sogar so weit auf, dass selbst die Spitze des mächtigen Bilderbuchvulkans Osorno zum Vorschein kam. Was für ein großartiger Start. Ich bog nun ab in Richtung Cochamó und befand mich damit auf einem Abschnitt, den ich zuvor bereits im Februar geradelt war. Am Río Puelo verließ ich die altbekannte Strecke in Richtung des Lago Tagua Tagua und schaffte es dort sogar noch rechtzeitig vor Sonnenuntergang von Tag zwei der Tour auf die Fähre über den See. 2 Auf der anderen Seite befand sich ein äußerst komfortables, rundum geschlossenes Wartehäuschen, welches ich spontan als Nachtlager auswählte. Irgendwann kam ein Mitarbeiter der Fährgesellschaft, um mir zu erklären, dass man da nicht schlafen dürfe – doch leider verstand ich an dem Abend kein Spanisch. Mit dem ganzen Regen, der in der Nacht noch herunterkam, war ich ziemlich froh über den komfortablen und trockenen Schlafplatz.
Der nächste Tag begann regnerisch, aber trotzdem machte das Radfahren extrem viel Spaß. Die Schotterstraße war fast nicht befahren, da das Tal des Río Puelos für Autofahrer eine Sackgasse ist und an den 60 Kilometern Straße südlich des Lago Tagua Tagua auch nur noch ein paar kleine Siedlungen liegen. Das Tal war dicht bewaldet, selbst an den Berghängen zog sich der dichte, saftig grüne Wald hinauf. Nur ab und zu ging es mal an einer Weide oder ein paar Holzhäusern vorbei. Die Wolken zogen langsam durch das Tal und sorgten für eine atmosphärische Stimmung. Die Straße war in einem guten Zustand und auch die Anstiege ganz gut machbar, sodass ich es bis 17 Uhr nach Segundo Corral schaffte – dem Ende der Straße. Gleich bei der Bushaltestelle befand sich ein durch ein Gatter verschlossener schmaler Weg, auf dem es weiter in Richtung des Puerto Casa Negra ging. Es waren zwar nur noch zwei Kilometer, doch mit ein paar ersten Hindernissen kostete dieser Abschnitt fast eine halbe Stunde bis zum „Puerto“. Der Puerto war nichts weiter als eine gut zugängliche Stelle des Flussufers, wo sich ein Boot gut festmachen lässt – kein Steg oder sonstiges; nur noch ein Holzschild auf dem die Fährzeiten 3 standen. Laut dem Schild würde der Bootsbetrieb freitags ab 18 Uhr für das Wochenende eingestellt werden. Da ich diese Information schon aus Marks Blog-Post hatte, war ich den ganzen Tag über auch schon etwas unter Zeitdruck und nun umso glücklicher, es noch geschafft zu haben, denn es war Freitag. Ungefähr zehn Minuten später kam auch ein Fährmann, der sich bereit erklärte, mich mitzunehmen.











Nach dem ca. drei Kilometer langen Bootstrip lag der erste Hike-a-Bike-Abschnitt vor mir. Auf einem steilen Pfad ging es etwa 80 Höhenmeter zur chilenischen Carabinero-Station hinauf. Oben angekommen, wollte ich den Carabineros nur Bescheid geben, dass ich die Nacht am um die Ecke liegenden See kampieren und am nächsten Morgen offiziell aus Chile ausreisen wollte. Doch mit der Aussicht auf nächtlichen Regen luden mich die Carabineros kurzerhand ein, boten mir ein ganzes Zimmer mit Bett an und servierten in ihrer wollig warmen Küche eine Art Gulaschsuppe zusammen mit einem heißen Kaffee. Draußen schien gerade die Sonne; durch das Küchenfenster sah man die Schweine umherlaufen, deren Geschwister es schon in die Suppe geschafft hatten; die Bäume bewegten sich im Wind hin und her. Der eine Diensthabende behauptete nicht zu Unrecht, dass sein Arbeitsplatz das wahre Paradies sei. Drei Wochen am Stück dauert sein Dienst auf der Station, danach gibt es eine Woche frei, um nach Hause zur Familie zu fahren. Hierher gelangt man nur zu Fuß oder zu Pferd, mit der kürzesten Anbindung zum Straßennetz mithilfe des Boots entlang des Randes vom Lago Inferior. Carabinero-Stationen wie diese sind die letzten offiziellen Außenposten des chilenischen Staats in den abgelegenen Grenzregionen des Landes. Auf dem Wanderweg, der von hier nach Argentinien führt, kommen in der Saison und bei gutem Wetter wohl täglich 20 bis 30 Wanderer vorbei, gelegentlich auch mal ein oder zwei verrückte Fahrradfahrer. Aber Achtung, alle, die auch gern einmal über diese Route aus Chile ausreisen möchten: Vor Ort gibt es keine Beamten der Migrationsbehörde, man muss deshalb einige Tage vorher online ein Salvo-Conducto-Formular bei der Migrationsbehörde ausfüllen, damit einen die Carabineros dann vor Ort ausstempeln können. 4
Der nächste Tag brachte durchgängig sonniges Wetter. Das erste Stück nach der Carabinero-Station ließ sich noch sehr gut radeln, doch dann begann der ungefähr acht oder neun Kilometer lange Hike-a-Bike-Abschnitt. Der Weg war sehr schmal, das Gebüsch streifte permanent an meinen Beinen und manchmal war es so eng, dass das Schieben schon recht kompliziert war. Irgendwann beschloss ich, die Pedalen aus den Kurbeln zu entfernen, um diese nicht ständig in die Waden zu bekommen und weniger hängen zu bleiben. Das Rad musste sehr oft gehoben werden. An einer Stelle gab es einen Bergbach, der mit dem Rad nicht über die vorhandene Brücke gequert werden konnte, da dahinter eine kleine Felspassage lag, auf der man schlichtweg nicht mit einem Fahrrad langkommt. An dieser Stelle war es jedoch möglich gewesen, das Gepäck abzunehmen und das Rad auf einem anderen Weg durch den Bach zu tragen. Mit dem Erreichen der argentinischen Seite wird der Weg wieder breiter und an einigen Stellen auch wieder fahrbar, doch kurz vor Erreichen des Lago Puelos gibt es auch dort noch eine kompliziertere Felspassage, auf der man das Rad förmlich nach unten balancieren muss. Hat man dies geschafft, ist der letzte Kilometer ein wunderbar flacher Weg durch das wahre Paradies. Mit einem klassischen Reiserad-Setup und viel Gepäck ist diese Route keineswegs empfehlenswert. Wenn man leichter unterwegs ist und eine gewisse Frustrationstoleranz mitbringt, ist es ein tolles Abenteuer. Die Ausblicke entlang des Weges sind wunderschön und durch die Abgeschiedenheit hat das Ganze schon etwas Besonderes.











Direkt am Lago Puelo liegt der argentinische Gendarmeria-Posten. Das Pendant zu den chilenischen Carabineros. Er liegt wirklich in einer absolut malerischen Umgebung und ist zum Glück auch noch vier Kilometer von der nächsten Straße entfernt, sodass es auch dort noch recht ruhig zugeht, wenn auch nicht so ruhig wie auf der chilenischen Seite. Das Gebiet ist Teil des Lago Puelo Nationalparks und wird aktiv von Wanderern genutzt. Direkt neben der Gendarmeria ist das Kampieren zwischen den Bäumen am Ufer des Lago Puelos gestattet, eine Option, von der einige Naturliebhaber Gebrauch machten. Es ging jedoch äußerst ruhig und friedlich zu, eben ganz wie im Paradies.



Tags darauf lag noch ein etwas längerer, steiler Anstieg vor mir, bei dem nicht an Fahren zu denken war. Der Weg war auf diesem Abschnitt zumindest nicht mehr ganz so schmal und es gab fast keine Hebepassagen. Lediglich kurz vor dem Dorf am Ende des Weges gab es noch eine fiese Überraschung: den Río Azul. Dieser Fluss war ziemlich breit und teilweise mehr als knietief. Seine Strömungsgeschwindigkeit war zwar nicht sehr groß, doch hatte ich trotzdem mächtig Respekt. Als irgendwann ein paar Wanderer vom anderen Ufer querten, fragte ich kurz um Hilfe und konnte dann das Rad mit einem freundlichen Helfer auf die andere Seite tragen – etwas, bei dem ich mich definitiv etwas sicherer fühlte. Sowohl die Rohloff-Nabe als auch der SON-Nabendynamo sollten nicht unter Wasser getaucht werden, weshalb Schieben absolut keine Option war und auch mit der Strömung vermutlich nur zu einem Wegdriften hätte führen können.
Angekommen im Dorf Lago Puelo hatte ich zwar wieder Asphalt unter den Rädern, aber dafür andere Probleme zu lösen. Ich brauchte Geld, argentinische Pesos, um genau zu sein. Geldautomaten lohnen sich aufgrund der horrenden Gebühren in dem Land nicht für Reisende, deshalb nutzt man entweder Western Union oder tauscht US-Dollar. Letztere hatte ich im Gepäck; vor einem Jahr waren diese schließlich in Argentinien noch heiß begehrt. Doch diesmal war es schwieriger. Ich fragte herum und klapperte verschiedene Geschäfte ab, jedoch erfolglos. Erst einen Tag später in einem anderen Ort sollte es dann klappen.








Für die nächsten Kilometer folgte ich der Ruta 40 – einer Straße, die in Argentinien schon fast so etwas wie ein Nationalsymbol ist. In genau dieser Ecke des Landes war die Ruta 40 jedoch nicht wirklich spektakulär, dafür furchtbar stark befahren, und ich war froh, sie schon bald wieder am Abzweig in Richtung Cholila verlassen zu können. In der Nähe dieses Dorfs befindet sich die Siedlung Villa el Blanco, in der Jorge und Mariela eine Casa de Ciclista 5 eröffnet haben. Casa de Ciclistas gibt es immer mal wieder an verschiedensten Orten in Südamerika, da, wo passionierte Radler ihre Türen für Radreisende öffnen. Meist handelt es sich um eine kleine Unterkunft nur für Radreisende, die im Selbstversorgermodus genutzt wird, mit einer Spendenbox für die laufenden Kosten. Jorge und Mariela sind selbst Radreisende, wohnen eigentlich in einer Kleinstadt ein paar Kilometer weiter im Norden und haben in Villa el Blanco ganz in der Nähe des Nationalparks Los Alerces ein kleines Paradies für Radreisen geschaffen: einen Garten mit Campingwiese, einen kaminbeheizten Aufenthaltsraum mit Küche, über dem sich ein Matratzenlager befindet, und dazu noch einen kleinen Sanitärtrakt. Alles ist liebevoll mit Fahrradteilen dekoriert. Auf den letzten Kilometern vor der Casa de Ciclista liegen sogar gelb bepinselte Steine als Wegweiser, welche die noch verbleibenden Kilometer anzeigen. Es ist wirklich ein traumhafter Ort, an dem man als Radreisender in aller Ruhe entspannen kann. Danke Mariela und Jorge für eure Mühen und Anstrengungen, dieses Radfahrer-Paradies zu erschaffen!










Von Villa el Blanco aus sind es nur ungefähr 30 Kilometer bis zum Eingang des Nationalparks Los Alerces. Durch den östlichen Teil des Parks zieht sich eine schmale Straße entlang mehrerer Seen bis nach Villa Futalaufquen und von da weiter in die Kleinstadt Trevelin. Entlang der Straße gibt es jede Menge toller Ausblicke auf die zwischen den Bergen eingebetteten Seen. An verschiedenen Stellen zweigen Wanderwege ab und es gibt mehrere kleine Campingplätze mitten im Park, um das Naturspektakel auch über Nacht genießen zu können. Ganz klar, dass man da im Sommer nicht ganz allein ist. Zur Ruta 40 ist die Straße durch den Park sicher die schönere Alternative, wenn man auch Eintritt zahlen muss. Zwischen den ganzen Seen und den Bergen befindet sich dichter, ursprünglicher Wald. Eine der dort anzufindenden Baumarten sind die Namensgeber des Parkes, die Patagonischen Zypressen oder auf Spanisch Alercen. Diese Bäume standen wegen ihres begehrten Holzes schon kurz vor der Ausrottung, stehen nun jedoch unter Schutz – ganz besonders in diesem Nationalpark. Dort soll es wohl auch Exemplare geben, deren Alter auf bis zu 2600 Jahre geschätzt wird. 6 Tragisch dabei ist, dass der Park immer wieder von Waldbränden heimgesucht wird; schon 2024 standen einige Hunderte Hektar Wald des Nationalparks aufgrund einer Hitzewelle in Flammen. Ungefähr ein oder zwei Wochen nach meinem Besuch, war es leider wieder so weit. Es brannte nicht nur im Nationalpark Los Alerces, sondern auch noch weiter nördlich in der Provinz Chubut.
Trevelin – Lago Verde

Lago Vintter / Palena.
In Trevelin entschied ich mich einer weiteren Route von Mark und Hana zu folgen. 7 Für die nächsten vier Tage standen somit unzählige Kilometer an tief ausgefahrenen argentinischen Calaminas auf dem Programm. Calamina ist das Wort für Wellblech. Auf Schotterstraßen formen sich diese permanent aneinandergereihten Unebenheiten dank des Autoverkehrs. Von Zeit zu Zeit werden deshalb immer wieder Straßenbaumaschinen, sogenannte Grader, zum Glattziehen über die Pisten geschickt, doch auf der bevorstehenden Route war das schon länger nicht mehr der Fall. Ich radelte zunächst nach Corcovado und war schon auf diesem Abschnitt fast ganz allein unterwegs. Dank der wenigen Fahrzeuge war der Staub der trockenen Piste kein großes Problem. In Cocovado schlug ich das Zelt auf dem kostenfreien Campingplatz der Gemeinde auf und füllte am nächsten Morgen noch einmal die Taschen mit Lebensmitteln für die nächsten Tage auf.
Kaum hatte ich Corcovado in Richtung Süden verlassen, wurde es noch ruhiger. Auf diesem Abschnitt standen nun keine dichten, tiefgrünen Wälder mehr. Es war eher ein Mix aus Wald, leichter Steppenlandschaft und ausgedehnten Weideflächen; insgesamt wesentlich trockener. Zu meiner Rechten boten sich immer wieder spektakuläre Blicke auf die Gebirgskette der Anden, die hier zwar nicht mehr so hoch war wie beispielsweise in Santiago, dafür aber indessen immer öfter weiße Spitzen trugen. Trotz der trockneren Umgebung war das Wasser in dieser Gegend Patagoniens noch ein bestimmendes Motiv. Nur ungefähr 20 Kilometer nach Cocorvado fand ich an einem Flüsschen so ein schönes Plätzchen, dass ich spontan einen Pausetag einlegte und mich immer wieder im Wasser abkühlte. Tags drauf hatte ich es zur Mittagspause zum riesigen, bis nach Chile hinein reichenden, Lago General Vintter geschafft und stellte dann am Abend das Zelt am Lago Los Niños auf. Auf der vorerst letzten Etappe in Argentinien, kam ich am nächsten Mittag in dem Dorf Doctor Antilio Oscar Viglione an. Ein Ort mitten im Nichts, am Ufer des Rio Pampa, da, wo die Straße aufhört und sich wirklich Fuchs und Hase gute Nacht sagen. Von hier führte nur noch ein schmaler Fahrweg weiter, 20 Kilometer bis in das chilenische Dorf Lago Verde. Ich stoppte allerdings schon kurz nach dem Dorf am Lago Pico Número Cinco. Mit dem absolut sommerlichen Wetter war die Abkühlung am Ende des Tages doch immer ein kleiner besonderer Luxus.












Unweit des kleinen Sees befand sich der Gendarmeria-Posten, an dem ich mich am nächsten Morgen aus Argentinien ausstempeln ließ. Der freundliche Beamte meinte, ich solle beim Furten des Rio Pico vorsichtig sein, das Wasser wäre wohl aber nicht so hoch. Er sollte recht behalten. Der Weg führte nun durch einen Abschnitt verbrannter Erde – das Feuer lag bestimmt schon zwei oder drei Jahre zurück, denn zwischen dem Wald aus toten Baumgerippen wuchs schon überall dichtes grünes Gebüsch – die Natur holt sich irgendwann alles zurück. Immer wieder flossen kleine Bäche über den Weg, ein oder zweimal gab es auch ein paar recht sumpfige Stellen, und kurze Zeit später stand ich wieder einmal an der chilenischen Grenze. Es folgte eine kurze Abfahrt in das Dorf Lago Verde. Nach dem offiziellen Einreiseprozess bei den Carabineros, musste ich entscheiden, wie es weitergehen soll: 70 Kilometer über die Straße bis zur Carretera Austral oder nochmal 80 Kilometer mitten durch die absolut einsame Wildnis nach La Tapera, weiter der Route von Mark und Hana folgend. Für die einsame Route sprach natürlich die Abgelegenheit der Route und das damit verbundene Abenteuer, dagegen die Flussdurchquerung am Ende der Route, die laut Marks Bericht wohl etwas herausfordernd sein könnte. Nach einem deftigen Mittagessen in einem kleinen Lokal fühlte ich mich wieder voller Kräfte und war bereit für die nächste Herausforderung – irgendwie würde das mit dem Fluss schon klappen, schließlich war es die letzten Tage trocken in der Region.
Lago Verde – Villa la Tapera

Tatsächlich war die Entscheidung für die Route nach Villa la Tapera goldrichtig. Ich hatte so viel Freude an der sich bietenden Szenerie, und ob die Magie dieser Strecke auch in Zukunft noch so erhalten bleibt, ist mehr als fraglich.
Von Lago Verde aus muss man zum Beginn der eigentlichen Route nochmal ein Stück den Berg hinauf zur argentinischen Grenze, genau genommen ein kleines Stück davor. Dort beginnt ein einspuriger Fahrweg, der an vielen Stellen ein Allradfahrzeug voraussetzt. Oder eben ein Fahrrad und genug Motivation für den ein oder anderen Hike-a-Bike-Abschnitt. Der Weg verbindet die beiden Dörfer Lago Verde und Villa La Tapera, ist aber kein Weg, über den aktuell sinnvoller Verkehr möglich wäre, er wird eher von den anliegenden Bauern genutzt.






Der Beginn der Strecke war absolut traumhaft. Der Weg zog zunächst mehrere Bögen über den offiziellen Grenzverlauf zwischen Chile und Argentinien. Es ging durch unberührten Wald wie aus einem Märchenbuch, dazwischen immer wieder ein paar mit saftig grünem Gras überzogene Lichtungen, kleine Wasserläufe und ab und zu ein paar Gatter, die geöffnet und wieder verschlossen werden mussten. Weit und breit war niemand zu sehen, nur ich und die unbegreiflich schöne Natur. Als es schon langsam dämmerte, führte der Weg noch durch einen sehr steilen Gully. Der Weg sah an dieser Stelle sehr frisch aus, er musste erst vor kurzem in dieser Form mit schwerem Gerät in die Bergflanken trassiert worden sein. Kurz danach fand ich auf einer ebenen Wiese ein passendes Plätzchen für das Zelt.
Am nächsten Morgen stand der erste der drei großen Anstiege dieser Etappe bevor. Teilweise ließ er sich fahren, doch den Großteil schob ich das Fahrrad einfach nur nach oben, fleißig vor mich hin fluchend, wobei der Schweiß nur so lief. Der Weg war wunderbar trocken, manchmal etwas zu geröllig, aber er erforderte keine besondere Technik, er war einfach nur steil. Die hässlichste Herausforderung waren dabei vermutlich die dicken Bremsen. Denn immer dann, wenn das Fahrrad den steilen Berg hinaufmusste und ich so entsprechend langsam war, hatten diese leichtes Spiel. Statistisch gesehen habe ich aber mehr Bremsen erlegt als Bremsenbisse kassiert.





Nach dem ersten Anstieg ging es eine ziemlich verblockte Abfahrt hinunter, die mit dem neuen Mountainbike richtig Spaß machte. Es folgte ein schöner kurzer Waldabschnitt mit ein paar Bachquerungen, bevor es in den zweiten Anstieg ging. Dieser war weniger verblockt, dafür gefühlt länger und steiler. Auf diesem Abschnitt kam mir erst ein Pickup mit zwei freundlichen Chilenen entgegen, die meinten, dass ich gut bis La Tapera durchkommen würde. Gleich darauf passierte ich einen Radlader, der den Fahrweg in den von Erdrutschen betroffenen Kurven ausbesserte. Am Ende dieses Anstiegs angekommen, befand ich mich auf einer Art alpiner Wiese, die von einem kleinen Bachlauf sowie ein paar ausgetrockneten Tümpeln durchzogen war. Dazu das Panorama eines markanten, mit Schnee bedeckten Felsmassivs direkt gegenüber der Wiese. Definitiv ein Anblick, für den sich der schweißtreibende Anstieg zuvor gelohnt hat. Die sich anschließende Abfahrt war sehr gut fahrbar und es ging nun wieder auf einem längeren Stück durch einen absoluten Märchenwald. Jeder Baum war irgendwie anders krummgewachsen, wunderbar mit leuchtendem Moos dekoriert und keineswegs langweilig zum Anschauen. Wenn sich mal ein Fenster zwischen den ganzen Ästen auftat, konnte man die Spitze des imposanten Cerro de los Contrabandistas sehen. Angekommen an einer Lichtung mit einem klaren Bergbach, war klar, dass dies ein perfekt idyllischer Zeltplatz ist – somit wurde es eine eher kurze Tagesetappe.












Tags darauf ging es weiter nach unten, natürlich nicht ohne immer wieder auch kurze Abschnitte mit kleinen Anstiegen zu passieren. Doch plötzlich kam ich nicht weiter. Der GPX-Track passte nicht mehr ganz zum Weg; ich befand mich offensichtlich auf einer neueren Wegführung durch das Tal. Direkt vor mir befand sich ein Stahltor, versperrt mit einem Schloss. Alle Gatter und Tore zuvor waren stets nicht abgeschlossen, lediglich mit einer Kette oder einem Seil gesichert. Links und rechts des Tores gab es auch kein richtiges Vorbeikommen. Ein paar hundert Meter entfernt stand eine kleine Hütte, daneben ein kleiner Schober, und auch zwei oder drei neugierige Pferde trabten herum. Sonst war jedoch niemand da. Dann fand ich den zum eigentlichen GPX-Track gehörenden Weg, doch auch da war Schluss. An der Stelle befand sich ein Gatter, das mittlerweile eher die Funktion eines permanenten Zauns hatte. Dieses doppelflüglige Gatter ließ sich jedoch auf einer Seite mit etwas Mühe aus seiner Verankerung heben und somit konnte ich regelrecht ausbüchsen. Natürlich nicht, ohne das Gatter hinter mir wieder in seine ursprüngliche Form zurückzuhängen. Ich musste nun direkt einen Bach überqueren und war dann wieder auf dem Weg, den mir auch das Navi zeigte. Es war offensichtlich ein alter Weg, denn hier lagen einige umgefallene Bäume. Immer wieder musste ich absteigen und das Rad kurz heben. Ungefähr einen Kilometer später stieß von rechts der neue, aber abgesperrte Weg dazu.
Es ging weiter zum Rio Cáceres herab. Irgendwann kam mir ein Bauteam entgegen, bestehend aus zwei Pickups, die einen großen Kettenbagger begleiten. Kurz darauf rollte ich an einem anderen Bauteam vorbei, das direkt neben dem Fahrweg einen Zaun errichtete. Was ging hier vor sich? War nun die gemütliche Einsamkeit vorbei?


Angekommen am Rio Cáceres hatte ich leichtes Spiel. Es war das erste Mal, dass sich das Rad einfach durch einen kleinen Fluss schieben ließ – der Wasserstand war nicht sehr hoch. Aber ich war ja auch noch nicht am Rio Cisnes, meinem gefürchteten Herausforderer angekommen. Kurz nach der Flussquerung ging es in den dritten und letzten Anstieg hinein, der stellenweise wieder extrem steil war, insgesamt aber viele gut fahrbare Passagen bot. Auch hier kam mir ein weiteres Bauteam aus Pickups und Kettenbagger entgegen. Kurz hinter dem Höhepunkt des Anstiegs tauchte eine kleine Lagune auf, perfekt für eine kleine Erfrischung.
Nach der Lagune führte der Weg im Wesentlichen nur noch nach unten, bis ich mich auf einmal auf einer komplett neu trassierten, zweispurigen Schotterstraße befand. Die Straße wirkte wirklich wie frisch dahin gezaubert. Genau an dieser Stelle verlor ich den eigentlichen Track, vermutete aber, dass die noch nicht kartierte Straße zur Regionalstraße X-25 führte, an der mein Ziel La Tapera lag. Insgeheim wollte ich auch gar nicht so richtig nach dem Track suchen, es wären nur noch sechs Kilometer gewesen bis zum Río Cisnes, der Stelle, vor der ich etwas Bammel hatte und nach der die Route sowieso zu Ende gewesen wäre. Über die neue Straße schwebte ich förmlich zur X-25 und war verwundert, dass es hier mitten im Nichts auf einmal so krass ausgebaute Infrastruktur gab. Auf den letzten sechs Kilometern, die es noch über die X-25 nach La Tapera ging, stoppte mich „Teddy“ mit seinem Pickup. Er wollte wissen, ob ich aus Lago Verde komme und wie hoch die einzelnen Wasserstände an den Furten waren. Teddy ist scheinbar Bauinspektor der Straßenbaufirma, die an der Verbindung von Lago Verde und La Tapera arbeitet. In ungefähr 20 Jahren wird diese wohl fertig sein, also in dem Zustand einer Regionalstraße. Und auch wenn die Straße dann immer noch durch eine wunderschöne Ecke des Landes verlaufen wird – Märchenwaldstimmung und Einsamkeit sind dann vermutlich Geschichte.




Angekommen in Villa La Tapera begab ich mich auf eine kleine Tour durch sämtliche Tiendas und rollte anschließend zum Río Cisnes hinunter. Am Ufer des Flusses hat die Gemeinde drei Asadoplätze mit kleinen Pavillons errichtet; der perfekte Ort, um das Zelt aufzustellen. Angekommen am Fluss musste ich lachen: Dieser führte so wenig Wasser, dass er sich ohne Probleme hätte furten lassen.
Über die X-25 waren es am nächsten Tag nur noch 50 gemütliche Kilometer zur berühmten Carretera Austral, deren erstes Drittel ich nun wohl „umfahren“ hatte.
Route
Die Karte direkt bei uMap im Vollbild öffnen.
Die GPX-Tracks können bei uMap heruntergeladen werden oder hier bei Mapy.cz – da gibts das Ganze auch mit Höhenprofil. Die folgende Tabelle kann einen Hinweis zur Zeitplanung geben – ich bin nicht der Schnellste 😉
| Abschnitt | Zeit (gemütlich) | Strecke [km] | Gesamtstrecke [km] |
| Puerto Varas – Punta Canelo | 2 Tage | 136,2 | 136,2 |
| Punta Maldonado – Carabineros Paso Bolson | 1 Tag | 68,3 | 204,5 |
| Carabineros Paso Bolson – Gendarmeria Lago Puelo | 1 Tag | 12,3 | 216,8 |
| Gendarmeria Lago Puelo – Villa el Blanco | 2 Tage | 83,1 | 299,9 |
| Villa el Blanco – Trevelin | 2 Tage | 112,5 | 412,4 |
| Trevelin – Lago Pico No. 5 | 3 Tage | 185,4 | 597,8 |
| Lago Pico No. 5 – Lago Verde | 0,5 Tage | 16,2 | 614 |
| Lago Verde – Villa La Tapera | 2,5 Tage | 79,4 | 693,4 |
| Villa La Tapera – Villa Amengual | 1 Tag | 51,2 | 744,6 |
Reisezeit: Dezember 2025 / Januar 2026
- Mark Watsons Blogpost mit Routenbeschreibung zum Paso Puelo/Bolson[↩]
- Die Fähre über den Lago Tagua Tagua ist eine große Autofähre. Preise und Fährzeiten können auf dieser Website eingesehen werden.[↩]
- Puerto Casa Negra: An der Stelle muss man auf ein Boot warten, welches einen über den Río Puelo zum Puerto Lago Inferior bringt. Vor Ort fand ich insgesamt zwei Telefonnummern, die beide über WhatsApp erreichbar waren. Und ja, überraschenderweise gab es an der Stelle auch Mobilfunkempfang. Vermutlich bekommt man auch am Wochenende einen Bootstransfer mit etwas mehr Geduld, wenn man höflich fragt und vielleicht bereit ist, ein paar Pesos drauf zu legen.[↩]
- Das Salvo Conducto Formular kann auf dieser Website ausgefüllt werden. Es handelt sich um das letzte Formular auf der Seite, und alle Ausländer, die keinen permanenten Aufenthaltsstatus in Chile haben, wählen die Option „Iniciar trámite sin ClaveUnica“. Für die Einreise nach Chile ist dieser Prozess nicht notwendig.[↩]
- Vor Besuch der Casa de Ciclista „Pedalgónicos“, sollte man vorher Kontakt zu Jorge und Mariela aufnehmen, zum Beispiel über Instagram oder WhatsApp (die Nummer sollte in Radfahrerkreisen erfragbar sein).[↩]
- Wikipedia: Nationalparks Los Alerces [↩]
- Mark Watsons Blogpost mit Routenbeschreibung Trevelin – Coyhaique [↩]

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