Zwischen Euphrat und Tigris

Durch die Felder im Norden Mesopotamiens.

Durch die Felder im Norden Mesopotamiens.

Aus dem Geschichtsunterricht in Klasse 5 hatte ich noch eine rudimentäre Erinnerung über das Land zwischen Euphrat und Tigris: Mesopotamien, das Zweistromland – Wiege der modernen Menschheit. Eine Ecke der Welt, die ich unglaublich weit weg und auf Grund ihrer Geschichte als ziemlich ehrfurchtsvoll eingespeichert hatte. Tja und auf einmal radelte ich über die Euphrat-Brücke in Birecik, im Südosten der Türkei. Direkt hinter der Brücke verließ ich erstmal die Straße und begab mich an das Ufer des Euphrat zum Frühstücken und Verdauen.

Geistiges Verdauen wohl bemerkt. Denn diese Flußüberquerung war wieder einer dieser Momente wo ich mir verdammt weit gereist vor kam. Mit dem Fahrrad von Dresden nach Mesopotamien. In Klasse 5 für mich unvorstellbar. Jetzt mit stetigen kleinen Tagesetappen natürlich machbar, aber es fühlte sich hier trotzdem unglaublich weit an. Doch das waren nicht die einzigen Gedanken die mir durch den Kopf kreisten. Nur 20 bis 25 Kilometer weiter südlich lag die Syrische Grenze. Syrien, das Land in dem seit 2011 Bürgerkrieg herrscht. Mit einer mittlerweile so unglaublichen Komplexität durch Beteiligung zahlreicher weiterer Staaten und Gruppierungen, dass das Ganze ziemlich schwer fassbar ist. Ich war nun also nur knapp von dieser Linie die Frieden und Krieg voneinander trennt entfernt – eine Situation, die das Ganze ein ordentliches Stück näher bringt. Noch wenige Tage vorher traf ich Yves – einen Franzosen der schon seit vielen Jahrzehnten immer wieder Radreisen unternimmt. Er berichtete mir wie er bereits durch den Irak und durch Syrien radelte – Länder die jetzt und in naher Zukunft leider tabu sind. Doch was muss in diesen Ländern wirklich los sein, wenn wir uns aus Sicherheitsgründen nicht trauen sie zu bereisen? Welches Leid müssen die Menschen vor Ort alles ertragen? Und wie glücklich können wir uns dagegen schätzen in Sicherheit und Frieden zu leben? Ein Glück, dass wir aufgrund der Selbstverständlichkeit von Sicherheit und Frieden bei uns garnicht wahrnehmen. Ein Glück, was vielleicht jetzt durch den Krieg in der Ukraine wegen der kleineren Entfernung doch etwas bewusster wird. Und gleichzeitig werden die Menschen aus Syrien und den zahlreichen anderen Ländern auf der Erde wo gerade Krieg herrscht wohl noch mehr vergessen. Menschen bei denen ewig diskutiert wird, ob sie denn nun wirklich genug erlitten haben, um ihnen einen Flüchtlingsstatus zu gewähren. Menschen die man im Mittelmeer lieber ertrinken lässt, als ihnen bei der Flucht in einen sicheren Hafen zu helfen. Denn um so schwieriger die Flucht wird, um so weniger „Probleme“ gibt es im reichen Europa.

Es sind echt viele Gedanken die sich manchmal auf langen Fahrradetappen im Kopf festsetzten und einen hilflos wirken lassen. Je trister die Landschaften werden, desto mehr scheint der Kopf auch zu kreisen. Seit ein paar wenigen Tagen hatte sich die Landschaft wieder einmal komplett geändert. In Anatolien ging es zwar schon oft durch karge Regionen, doch hier im Südosten der Türkei wirkte dies nochmal ein ganzes Stück anders. Es waren zwar hügelige und dadurch immer noch ganz schön viele Höhenmeter fordernde Landschaften, aber auch unglaubliche Weiten. Auf schier unendlich großen Flächen war teilweise kein einziger Baum zu sehen. Dann wiederum gab es aber auch Plantagen mit Pistazien-Bäumen. Diese schienen aber auch ziemlich speziell, denn die Fläche darunter sah zerfurcht aus, wie mit dem Traktor gepflügt. Gras oder andere „Unkräuter“ wuchsen da nicht, dafür schauten jede Menge Steine aus diesen Furchen hervor. Die Pistazienplantagen boten zwar Schatten, waren durch die Furchen und die vielen Steine aber vollkommen ungeeignet, um darin das Zelt aufzustellen. Die anderen Flächen waren entweder mit Getreide bestückt oder in entlegeneren Gegenden schlicht und einfach nur verödetes Weideland. Herzlich willkommen im „fruchtbaren“ Mesopotamien. Die Landwirtschaftliche Nutzung ist schon überall zu sehen, aber trotzdem hatte ich mir unter „fruchtbaren Landschaften“ etwas grüneres vorgestellt.

Bei dem ganzen Sonnenschein war diese Gegend auch schon etwas anspruchsvoller zu bereisen. Denn die Sonne grüßte bereits um fünf am Morgen und ohne einen Schattenplatz wird es da im Zelt schnell ungemütlich. Überhaupt ist es eine Hausforderung für den Körper, wenn es den ganzen Tag von oben bruzelt. Da heißt es den Tagesrhythmus anpassen, den erstbesten Campspot mit prognostiziertem Morgenschatten definitiv nehmen, immer wieder Sonnencreme auftragen und die Wasserversorgung im Auge behalten. Dabei war ich Mitte Mai noch zum richtigen Zeitpunkt unterwegs, da wo die Temperaturen nur so zwischen 30 und 34°C lagen.

Aber ganz egal wie hoch die Temperaturen auch sind, so wird in dieser Gegend einfach immer heißer, schwarzer Tee getrunken – Çay. Und die Einladungen zum Çay gab es in dieser Region so oft wie sonst nirgends. An manchen Tagen schlug ich auch einige der Einladungen aus, um ein Stück voran zu kommen, wenn auch dieses Ausschlagen immer ein paar Erklärungen bedeutete. Die Gastfreundschaft der Kurden welche in dieser Region leben ist einfach unglaublich. Oftmals blieb es nicht nur bei Einladungen zum Tee, es gab auch Eis, Einladungen zum Essen, zum Nächtigen. Und es gab viele interessante Gespräche.

Meine Gedanken kreisten weiter und weiter, je mehr gepanzerte Fahrzeuge mir entgegen kamen und je mehr militärische Kontrollpunkte ich passierte. Ausweiskontrollen und Befragungen. Woher und wohin? Warum? Sprichst du Kurdisch?

Wieder waren sie da, diese Gedanken wie frei und in welcher Sicherheit wir in Deutschland doch leben.

Dabei gilt diese Region als Wiege der modernen Menschheit – Mesopotamien als Region in der Menschen das erste mal begannen dauerhaft sesshaft zu werden, sich erste Königreiche heraus bildeten, Kultur entstand. Wenn ich über die ganzen Konflikte die in der Region vorherrschen nachdenke, frage ich mich wo diese moderne Menschheit sein soll, was wir von unseren Vorfahren gelernt haben.

Göbekli Tepe.

Ein paar Spuren der ehemaligen Siedler des Mesopotamiens habe ich dann noch in der Nähe von Şanlıurfa bestaunt. Das Wörtchen „bestaunt“ beschreibt es wirklich ziemlich gut. Denn die gut erhaltenen Ruinen in Göbekli Tepe sind wohl über 11.000 Jahre alt und ziemlich beeindruckend. Vermutet wird, dass es sich bei der Anlage um ein Bergheiligtum handelt. Vor Ort steht immer wieder recht stolz auf Schildern, dass es sich um die erste Tempelanlage der Menschheitsgeschichte handelt. Ganz sicher ist man sich aber über die Funktion der kreisförmigen Bauwerke mit den charakteristischen T-Steinen jedoch nicht. Auf vielen der teilweise 20 Tonnen schweren T-Steine sind Tiere oder Menschen eingraviert, an einem war eine richtige Skulptur angebracht. Diese Stätte wurde 1965 entdeckt und erst seit den 90er Jahren finden Ausgrabungen statt. Der größte bisher freigelegte Teil der Anlage ist nun mit einem stylischen Schutzdach versehen, damit alles möglichst gut erhalten bleibt. Fertig ist man aber noch nicht, auch während meines Besuchs war ein Team von Archäologen mit weiteren Ausgrabungen beschäftigt. Schon ein ziemlich besonderer Ort.

Reisezeit: Mai 2022

  30.07.22 um 9:00 Uhr
  radreise, ruine, türkei
nächster Artikel:
Eindrücke aus Gaziantep
auch lesen:
vorheriger Artikel:
Julibild 2022
auch lesen:

Kommentare

Andreas
schrieb am 01.08.22 um 20:46 Uhr:

Danke Binni,
jetzt habe ich auch ein Bild vom Zweistromtal in meinem Kopf und nicht nur einen rudimentären Begriff aus der Grundschule.
LG
Und weiter gute Fahrt.

Binni
schrieb am 03.08.22 um 19:34 Uhr:

@Andreas: Danke :-)

Kommentar verfassen





optional, wird nicht veröffentlicht

optional

Bitte rückwärts eingeben!